Patienteninformation März 2020

Liebe Patientinnen, liebe Patienten, Begleitpersonen und andere Besucher

Meine Praxistätigkeit erstreckt sich schon über mehr als 30 Jahre. So habe ich die Berichte in den Medien über die Schliessungen der offenen Drogenszene vor 30 Jahren am Platzspitz und vor 25 Jahren am Bahnhof Letten in Zürich gelesen. Ich hatte den Bahnhof Letten auch persönlich besucht, das dort angetroffene Elend hat mich beeindruckt und hilflos gemacht.

Erinnerungen an viele Begegnungen mit Patienten aus diesen Jahren sind plötzlich wieder allgegenwärtig geworden. Einige von den damaligen hauptsächlich heroinabhängigen Menschen leben noch heute, z.T. sind sie noch in einem Methadonprogramm. HIV-Infektionen gab es auch, daran sind damals die Menschen auch verstorben. Hepatitis C wird heute bei diesen ehemaligen Drogenkonsumenten gesucht und festgestellt. Ich betreue auch Menschen, die sich sogar mittlerweile wegen einer Hepatitis C, der aufgetretenen Leberzirrhose und dem Leberzellkarzinom mit einer Lebertransplantation behandeln lassen mussten. Einige dieser damals jungen Patienten sind verstorben meist an einer Überdosis oder Folgekrankheiten, auch Suizide aus dieser schwierigen Lebenssituation heraus sind aufgetreten.

Damals kam ich auch in Kontakt mit den Mitarbeitern der Suchtpräventionsstelle, mit dieser arbeite ich bis heute eng zusammen. Vom damaligen Standort am Sandweg in Lenzburg, sind diese jetzt ins ehemalige Hero-Areal in Lenzburg gezogen (Suchtberatung ags Lenzburg, Niederlenzer Kirchweg 3, 5600 Lenzburg Tel. 062 891 44 05). Heute ist das Heroin nicht mehr Hauptthema, sondern es sind andere Drogen, vor allem Alkohol oder auch Spielsucht ein Thema. Die Anlaufstelle weist ein sehr niederschwelliges Angebot aus und wird von der öffentlichen Hand bezahlt. Betroffene und Angehörige können sich selber dort melden. Falls ich in der Praxis mit einem Suchtproblem konfrontiert werde, dann verweise ich häufig Leute an diese Stelle und bin für diese Zusammenarbeit sehr dankbar. Es braucht manchmal viel Geduld und Empathie bis man eine stabile Situation erreichen kann. Mir sind in dieser Zeit Menschen begegnet, die sehr sensibel und differenziert sind, schwierige Lebensgeschichten haben und sich, um den Alltag zu bewältigen Drogen beschafft haben. Verzweifelte Angehörige sind in die Praxis gekommen und mir wurde immer wieder bewusst, dass zwischen Wollen und Können Welten liegen. Die Krankheit bestimmt das Leben dieser Menschen und erst, wenn durch die Umstände, ihr eigener Wille zum Loskommen so gross geworden ist, dann gelingt der Ausstieg. Ich habe das Buch Platzspitzbaby gelesen und mir den jetzt kürzlich erschienenen Film angeschaut. Betroffen war ich vor allem durch die Schilderung der Rollen der Behörden, der Polizei und der Ärzte. Wir sind alle schlecht weggekommen und ich sehe mich noch bei den damaligen Sitzungen auch mit den sozialen Institutionen. Wir waren oft hilflos und hatten keine Möglichkeiten, gut Einfluss zu nehmen. Vielleicht schaut man mit der heutigen KESB wirklich schneller hin, weil sich ja jeder dort melden kann, wenn ihm etwas auffällt und dann muss eine Abklärung der Situation erfolgen. Ich erlebe auch heute Situationen, wo Kinder in Umständen leben müssen, die man eigentlich ändern müsste, oft hat man keine Handhabe. Ich habe aber generell den Eindruck, dass schneller hingeschaut wird als früher und die Hemmschwelle zum Annehmen von Hilfe kleiner geworden ist.

Nun noch Erfreuliches. Ich habe die Vertiefungsarbeit unserer Lehrtochter, Céline Weyeneth, im dritten Jahr in der Hand gehalten. Sie hat ein Kochbuch gestaltet. Hier hat es saisonale Rezepte mit den entsprechenden Tipps und ist ansprechend aufgezogen. So eine Leistung freut mich. Frau Weyeneth wird sich schon bald der Herausforderung der Abschlussprüfung, heute QV stellen müssen. Unser Team versucht die Auszubildenden tatkräftig zu unterstützen. Frau Sabrina Hotz ist aktuell unsere Verantwortliche für die Lehrtöchter.

Und wir erleben das Frühlingserwachen, zwar früh, in diesem Jahr, wo es keinen richtigen Winter gegeben hat, aber trotzdem ist es doch schön, die Winterlinge, Krokusse und Schneeglöckchen zu sehen. Gestern sind mir auf dem Ausritt im Wald auch schon die ersten Märzenblümchen (Huflattich) am Wegrand begegnet. Halten Sie die Augen offen für diese beglückenden Augenblicke.

Ihre Frau Dr.med.Claudia Zuber-Bürgisser